Mackenzell - Point Alpha

Im Gasthof in Mackenzell waren wir an diesem Tag die einzigen Gäste. Der Gastwirt bereitete uns ein schönes Frühstück und las seine Zeitung. Auf meine Frage, wie denn die Wetteraussichten für den Tag seien, schüttelte er nur den Kopf. Wir sagten, dass wir bis Point Alpha gehen wollten – also dem Punkt an dem heute noch die Grenze zwischen ehemaliger DDR und BRD erhalten ist und der im kalten Krieg ein Ort von besonderer strategischer Bedeutung war. Der Gastwirt erzählte, dass sich mit der deutschen Einheit für sie viel geändert hat. Vorher waren sie wie abgeschnitten von der Welt und nun liegen sie quasi in der Mitte. Die Phase nach der Grenzöffnung war für die Menschen sehr bewegend und es zeigt auch, wie irrsinnig es ist, Menschen durch Stacheldraht voneinander zu trennen. Interessant war auch, dass es direkt nach Öffnung der Grenzen besonders viele Hochzeiten zwischen Bürgern aus Mackenzell (Hessen) und Geisa (Thüringen) gab. Beide Gemeinden sind mehrheitlich katholisch, wogegen die Dörfer ansonsten meist protestantisch sind. Uns ist auch aufgefallen, dass in Mackenzell (wie auch schon in Flieden) viel für die Integration von Flüchtlingen gemacht wird. Der Gastwirt betonte noch, wie gut das doch funktioniert. Vielleicht liegt das auch an dem Geist von Wilm Hosenfeld – einem ehemaligen Bürger Mackenzells, der sich im zweiten Weltkrieg vom strammen Nazi zum Helfer wandelte und als Soldat mehreren Polen (darunter auch dem jüdischen Pianisten Władysław Szpilman) das Leben rettete. Im Film "Der Pianist" von Roman Polański wurde diese Geschichte auch aufgegriffen. Also machten wir uns auf den Weg. Die Strecke war ja verhältnismäßig kurz und am Ziel sollte es auch ein Wiedersehen mit dem Rest der Familie geben. Der Weg führte zunächst recht steil bergauf durch einen kleinen Wald. Dann ging es über Wiesen und Felder durch den kleinen Ort Molzbach. Fabio ist hier aufgefallen, dass in der Region viele Dörfer noch ein Backhaus haben. Diese werden zwar nicht mehr genutzt, aber im Saarland und auch nicht im Raum Saarburg, haben wir das so noch nicht gesehen. Nun ging es stetig bergauf durch ein Naturschutzgebiet, das sich „Weinberg“ nennt. Hier gibt es Kalkmagerrasen mit Wacholder. Der Anstieg wurde steiler und der Regen stärker. Wir gingen nun entlang des Europäischen Fernwanderweges E6, der von Finnland nach Griechenland führt. Durch den starken Regen waren die Wege teilweise sehr matschig. Zumindest die Frösche hatten Freude an dem nassen Wetter, denn in jedem Tümpel war frischer Froschlaich zu sehen. Nachdem wir den höchsten Punkt überschritten hatten war Fabio auch sehr gut gelaunt. Ich versuchte ihm auch zu erzählen, wie das mit der Deutsch-Deutschen Grenze für mich in meiner Kindheit war. Ich muss gestehen, dass der ganze Osten für mich damals nicht wirklich Europa war. Ich kann mir gut vorstellen, wie schwierig es für die Gemeinden auf beiden Seiten der Grenze war, denn aus wirtschaftlicher Sicht war dieser Bereich nicht sonderlich attraktiv. Hinter Nüsttal hatte Fabio dann einen kleinen Tiefpunkt und wollte nicht mehr gehen. Es gibt aber eine Sache, die bei Fabio ganz erstaunlich ist – er geht sehr gerne durch starken Regen … und der kam jetzt. Da wir mitten auf einem matschigen Weg standen, hatten wir auch keine Chance, um noch Regenschutzbekleidung überzuziehen. Statt dessen gingen wir gut gelaunt durch den prasselnden Regen. Ich erzählte Fabio, dass Deutschland ohne Regen heute vielleicht ein Fußballzwerg wäre. Erst mit dem einsetzenden Regen glaubten damals die Spieler an „das Wunder von Bern“ und konnten eine eigentlich aussichtsloses Spiel noch drehen. Ungarn versank danach in das fußballerische Mittelmaß und Deutschland etablierte sich als Fußballnation. Insofern haben wir dem Regen viel zu verdanken. Ich erzählte Fabio noch mehr von dem Film „Das Wunder von Bern“ und einigen weiteren Filmen.

So kamen wir dann doch noch schnell in Rasdorf an. Ich telefonierte mit Miao und wusste so, dass wir noch etwas Zeit hatten. Also gingen wir in Rasdorf noch in das „Nahversorgungszentrum Rasdorf“ und wärmten uns dort auf. Wir waren total nass. Jetzt war es ja wirklich nicht mehr weit bis zum Ende unserer Etappe und auch der Hagel konnte uns nicht mehr stoppen. Einmal über ein paar Büsche und schon waren wir auf dem Kolonnenweg der weiter zu Point Alpha führt. Dieser Abschnitt ist heute als „Weg der Hoffnung“ mit 14 Stationen vom Künstler Dr. Ulrich Barnickel gestaltet worden und vermittelt ein sehr intensives Gefühl – ich glaube auch für Fabio. Die gesamte innerdeutsche Grenze ist ansonsten heute als Grünes Band ein Naturschutzgebiet. Es ist aber schon ein bewegendes Gefühl diese Grenze zu überschreiten. Natürlich war ich auch stolz, dass Fabio nun schon die gesamte ehemalige BRD von West nach Ost durchquert hat. Gerade als wir vom Kolonnenweg die Landstraße zur eigentlichen Gedenkstätte überqueren wollen, kommen uns auch schon Miao und Alia entgegen. Wir sind alle sehr glücklich und verbringen noch viel Zeit an Point Alpha. Vieles ist für mich beklemmend, wie konkret die Gefahr eines 3. Weltkrieges damals war. Wir freuen uns schon, die nächste Etappe wieder an diesem Punkt starten zu können. Den Abend verbrachten wir dann in der Jugendherberge Fulda und schauten uns gemeinsam am nächsten Tag Fulda an. Außerdem besuchten wir die Kinderakademie mit dem begehbaren Herzen. Ein schöner Abschluss für unsere 4. Etappe. Wir freuen uns schon auf die nächste Tour.

-> Am 17. Juli 2017 ging es dann weiter