Mein Beitrag für das Nachhaltigkeitsprogramm der VHS St. Ingbert
Müll ist überall – aber wirklich nachgedacht haben die wenigsten über ihn. Mein Vortrag beim Nachhaltigkeitsprogramm der VHS St. Ingbert näherte sich dem Thema aus einem ungewohnten Blickwinkel: sprachlich, philosophisch und ganz praktisch.
Müll macht uns einzigartig – und das ist keine Auszeichnung. Der Mensch ist die einzige Tierart, die Abfall produziert und damit die eigene Lebensgrundlage zerstört. Unsere Fortschrittsgeschichte erzählen wir gerne als Weg „vom Faustkeil zum Smartphone" – die ehrlichere Version wäre: „vom Steinsplitter zum Atommüll".
Sprache schafft Distanz. Das Deutsche kennt Dutzende Wörter für Müll – von Kehricht bis zum besonders dekadenten „Anstandsrest". All diese Begriffe helfen uns, auf Abstand zu bleiben. Wir werfen WEG, nicht HIN. „Entsorgung" ist der Trick, mit dem ein eigenes Problem zu einem Problem anderer wird. Philosophieprofessor Oliver Schlaudt zeigt das besonders eindrücklich am körperlichen Müll – also Urin und Kot: Entweder sprechen wir darüber vulgär oder elitär-akademisch, eine sachliche Mitte fehlt fast völlig. Diese Scham und Distanz sind erlernt – und sie stehen auch praktischen Lösungen im Weg.
Raumschiff Erde. Die Troposphäre endet zehn Kilometer über unseren Köpfen. In ihr liegt die Luft, die wir atmen – produziert von Pflanzen, die in einer oft nur dreißig Zentimeter dünnen Humusschicht wurzeln. Wir deponieren 40 Milliarden Tonnen CO₂ pro Jahr in dieser hauchdünnen Hülle und werfen fünf Billionen Zigarettenkippen auf den Boden darunter. „Die Zukunft ist garantiert müllfrei" – die Frage ist nur, ob mit oder ohne uns.
Selbstwirksamkeit statt Lähmung. Ich sammle seit über neun Jahren täglich Müll – immer und überall. Das ist für mich eine Protestform, bei der man selbst Teil der Lösung ist. Die fünf Milliarden Tonnen Plastik in der Umwelt sind nicht mit einem Schlag dort gelandet – sie sind das Ergebnis stetiger kleiner Gleichgültigkeit. „Großes entsteht immer im Kleinen" gilt für die Entstehung von Problemen genauso wie für ihre Lösung.
Wenn man Menschen auf das Müllproblem anspricht, bekommt man meistens Schuldzuweisungen – aber keine Lösungen. Also habe ich eine KI gefragt. Die Antwort war bemerkenswert: keine Schuldzuweisungen, keine Relativierungen. Die KI erklärte schlicht, dass Aufheben die einzige wirksame Lösung ist – und rechnete aus, wie lange es dauern würde, das Problem zu lösen, wenn alle mitmachen würden: 9 Tage. Gemessen an dem, was wir angerichtet haben, ist das eine erstaunlich kurze Zeit.
Mein herzlicher Dank gilt Frank Ehrmanntraut und der VHS St. Ingbert für die Einladung. Sowie der Stiftung für Kultur und Umwelt der Kreissparkasse Saarpfalz, die das Nachhaltigkeitsprogramm finanziell unterstützt haben.
